Wangari Maathai und der Feigenbaum

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Wangari Muta Maathai (* 1. April 1940 im Nyeri District, im Abschnitt Tetu im Dorf Ihithe; † 25. September 2011 in Nairobi) war eine kenianische Professorin, Wissenschaftlerin, Politikerin und ab 2002 stellvertretende Ministerin für Umweltschutz.

Im Jahr 2004 erhielt die Umweltaktivistin, die in zielstrebiger Förderung von afrikanischer Frauenpolitik die beste Vorbeugung gegen Wasser- und andere Umweltschäden sah, als erste afrikanische Frau den Friedensnobelpreis.

In ihrer Autobiografie „Afrika, mein Leben“ erzählt sie von einem Feigenbaum und seiner Bedeutung für das Wasser in der Region.

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Wenn meine Mutter mich zum Holzsammeln schickte, fügte sie immer warnend hinzu: „Aber nimm kein trockenes Holz unter dem Feigenbaum weg, auch nicht in der Nähe.“ „Warum nicht?“ fragte ich. „Weil er ein Baum Gottes ist“, erklärte sie dann. „Wir verwenden ihn nicht. Wir fällen ihn nicht. Wir verbrennen ihn nicht.“ Als Kind hatte ich natürlich keine Ahnung, was sie damit meinte, aber ich gehorchte ihr trotzdem.

Rund zweihundert Meter von diesem Feigenbaum entfernt entsprang ein Bach. Er hieß Kanungu, und sein Wasser war so frisch und klar, dass wir es einfach so trinken konnten. Als Kind bin ich oft zu der Stelle gegangen, wo das Wasser aus dem Bauch der Erde heraussprudelte. Ich vermute, nur wenige Menschen haben das Glück, jemals eine Flussquelle zu sehen.

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Später erfuhr ich, dass zwischen dem Wurzelsystem des Feigenbaums und dem unterirdischen Wasserspeicher eine Verbindung besteht: Die Wurzeln wachsen tief in die Erde hinein, brechen das Gestein unter der Erdkrume auf und dringen bis ins Grundwasser vor. So kann es an den Wurzeln nach oben steigen, bis es in einer Senke oder einer durchlässigen Stelle im Boden als Quelle hervorsprudelt. Und tatsächlich entsprang in der Nähe von Würgefeigen meist ein Bach. Die Ehrfurcht der Bevölkerung vor diesen Bäumen schützte den Bach und die Kaulquappen, die mich so fesselten. Außerdem hielten die Wurzeln das Erdreich zusammen und verhinderten Erosion und Erdrutsche. So trugen die kulturellen und spirituellen Traditionen, ob bewusst oder nicht, zur Bewahrung der biologischen Vielfalt bei.

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Wenn ich meine Familie in Nyeri besuchte, bemerkte ich die Veränderungen in der Umwelt ebenfalls. Flüsse waren mit Erdreich verschlammt‚ das zumeist aus kommerziell genutzten Plantagen stammte, für die der Urwald gerodet worden war. Mir fiel auf, dass ein Großteil der Flächen, auf denen in meiner Kindheit Bäume, Sträucher und Gras gewachsen waren, jetzt für den Anbau von Tee und Kaffee genutzt wurde.

Dann erfuhr ich, dass das Stück Land, auf dem mein geliebter Feigenbaum gestanden hatte, verkauft worden war. Für den neuen Besitzer stellte der Baum ein Hindernis dar, und er ließ ihn fällen, um auch dort Tee anzubauen. Zu der Zeit war mir der Zusammenhang zwischen Baum und Wasser bereits klar geworden, also überraschte es mich nicht, dass der Bach, in dem ich mit den Kaulquappen gespielt hatte, versiegt war. Jetzt würden meine Kinder sich nicht mehr wie ich über den Froschlaich und das kühle, klare Wasser freuen können. Ich trauerte um den Baum und würdigte die Weisheit der Kikuyu, bei denen Generationen von Frauen ihren Töchtern die kulturelle Tradition weitergegeben hatten, die Feigenbäume nicht zu fällen. Und ich hätte diese Weisheit ebenfalls weitergeben sollen.

Welchen Grund die Menschen ursprünglich auch gehabt haben mochten, diese Bäume in Ehren zu halten – ihre Umsicht hatte sie vor Erdrutschen bewahrt, denn die mächtigen Wurzeln der Feigenbäume hielten an den steilen Berghängen das Erdreich zusammen und garantierten dadurch zudem reichlich sauberes Wasser. Anfang der siebziger Jahre kam es immer häufiger zu Erdrutschen, gleichzeitig gab es immer weniger Quellen für sauberes Trinkwasser. Ironischerweise blieb die Stelle, auf der der Feigenbaum meiner Kindheit gestanden hatte, immer kahl, nichts wollte dort wachsen. Es war, als würde das Land alles andere als den Feigenbaum ablehnen.

 

 

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